Wie Eltern die Wertebasis säen

Werte werden vorgelebt

Es war ein Tag zu Hause. Meine Mutter pflegte meine Großmutter, die im Sterben lag. Im Nebenraum meines Zimmers war ein richtiges Krankenlager eingerichtet worden. Abwechselnd waren auch Verwandte da. Irgendwie war das auch schön. Es war beinahe harmonisch. Ich war neun Jahre alt. Das alles gehörte zum Leben einfach dazu. Auch der Tod. Meine Mutter war immer präsent. Sie schlief wenig. Einmal fragte ich sie, ob sie nicht müde sei. Da sagte sie zu mir: „Ich mag die Oma,“ die eigentlich ihre Schwiegermutter war, „so gerne. Da spüre ich die Müdigkeit nicht so stark.“ Im Gegenteil, sie hatte eine Energie, von der sie selbst nicht wusste, woher sie kam. Das war für mich normal. Das wurde mir vorgelebt. Etwas beizutragen. Für andere da zu sein und auch Verantwortung zu übernehmen. Vor allem für die Familie.

Mein Vater war ein vielseitig interessierter Mann. Es bleibt mir stets in Erinnerung, wie er am Wochenende genussvoll Zeitungen und Zeitschriften gelesen hat. Er probierte immer wieder gerne etwas Neues aus: neues Essen, neue elektronische Geräte oder neue Gesundheitsthemen. Er lag am Boden und praktizierte autogenes Training. Da lag ich neben ihm und probierte das auch aus. Es war spannend. Er radelte auf dem Heimtrainer und trainierte mit dem Thera-Band. Für uns Kinder war es lustig, damit zu spielen und es möglichst weit auseinanderzuziehen und mit einem „Schnalzen“ wieder loszulassen.

Dasselbe Fundament, ein anderes Haus

Wenn ich heute nach über 60 Jahren auf mein Leben zurückblicke, dann erkenne ich, dass ich vieles von meinen Eltern übernommen habe. Nicht unbedingt die gleiche Art zu handeln und auch nicht die ganz gleiche Lebenseinstellung. Ich habe einen anderen Beruf, bin Unternehmer, Psychotherapeut und Coach – mein Vater war Betriebsrat und leitete eine Siedlungsgenossenschaft. Meine Frau arbeitet sowohl in der Wirtschaft als auch zu Hause, meine Mutter war ausschließlich Hausfrau. Aber die dahinter liegenden Werte sind sehr ähnlich. Dazu gehören Familie, Liebe zu den Menschen, offen für Neues sein, Engagement und Freude an der Leistung, Gesundheit und ein Glaubenszugang, der mit sehr persönlichen Erfahrungen verbunden ist.

Es gibt auch Veränderungen und Neuerungen. So ist mein Glaubenszugang sehr klar geworden. Mir ist Gleichberechtigung wichtig und Internationalität ist als Wert neu hinzugekommen. Diese Konstellation war in meiner Herkunftsfamilie nicht so ausgeprägt. Die Basis entstammt jedoch dem Elternhaus, nämlich den vorgelebten Werten. Oft gar nicht so bewusst kommuniziert, aber tagtäglich gelebt.

Wer sind die wichtigsten Wertevermittler für Kinder?

Im deutschen Kinderwertemonitor 2014 wurden rund 1.000 Kinder und ihre Eltern zum Thema Werte befragt.

Es zeigt sich ganz klar, dass sowohl Kinder als auch Mütter und Väter die Eltern und Großeltern für die mit Abstand wichtigste Gruppe bei der Vermittlung von Werten halten. Das heißt, die Familie vermittelt zentrale Werte.

Auf Platz drei folgen bereits die Lehrer als wichtige Ressource, deren Bedeutung in der Wertevermittlung stetig weiter steigt.

Werte-Impuls:

Welche drei wichtigen Werte haben Sie aus Ihrer Herkunftsfamilie für Ihr Leben übernommen?