Studien 2014–2024 im Vergleich
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Welt scheinbar minütlich neu erfindet. Technologischer Fortschritt, gesellschaftliche Umbrüche und eine zunehmende Digitalisierung prägen unseren Alltag. Doch blickt man tiefer – dorthin, wo Kinder und Jugendliche nach Halt, Orientierung und Sinn suchen –, zeigt sich eine berührende Beständigkeit.
Als Psychotherapeut und Coach erlebe ich häufig, dass von einem Werteverfall gesprochen wird. Die empirischen Daten erzählen jedoch eine andere Geschichte: die Geschichte einer anhaltenden Sehnsucht nach echter Verbindung.
In dieser rasant wandelnden Welt stellt sich immer wieder dieselbe Frage:
Welche Werte prägen Kinder und Jugendliche heute wirklich?
Was gibt ihnen Halt, Orientierung und Sinn – und was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Ein Blick auf zentrale Langzeitstudien aus Deutschland, deren Ergebnisse auch für Österreich und die Schweiz (DACH-Region) relevant sind, zeigt Erstaunliches:
Trotz tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen bleiben grundlegende Werte bemerkenswert stabil.
Fazit:
Das Fundament des kindlichen Wohlbefindens liegt klar in stabilen Beziehungen. Materielle Werte wie Geld oder Besitz spielen eine untergeordnete Rolle.
I. Die Basis: Stabile Kernwerte im Kindesalter
(GEOlino-UNICEF-Kinderwertemonitor 2014)
Die repräsentative GEOlino-UNICEF-Studie aus dem Jahr 2014 (n = 1.012 Kinder im Alter von 6–14 Jahren) macht deutlich:
Kinder orientieren sich in erster Linie an emotionalen und sozialen Werten. Nicht Leistung, Status oder materieller Besitz stehen im Vordergrund, sondern Beziehungen, Sicherheit und Verlässlichkeit.
Die Top-5-Werte aus Sicht der Kinder (2014)
| Platz | Wert |
|---|---|
| 1 | Familie |
| 2 | Freundschaft |
| 3 | Geborgenheit |
| 4 | Vertrauen / Zuverlässigkeit |
| 5 | Ehrlichkeit |
II. Kontinuität mit Akzentverschiebungen
(AOK-Familienstudie 2022)
Die AOK-Familienstudie 2022, basierend auf einer Befragung von rund 8.500 Eltern mit Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren, bestätigt die grundlegende Bedeutung zentraler Lebenswerte. Zugleich zeigen sich verschobene Akzentsetzungen, die auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen verweisen.
Wichtigste Lebensbereiche aus Sicht der Eltern (2022):
| Platz | Lebensbereich |
| 1 | Familie |
| 2 | Freunde |
| 3 | Gesundheit |
| 4 | Schule |
| 5 | Freizeit / Hobbys |
Interpretation:
Beziehungen bleiben der zentrale Orientierungspunkt im Leben von Familien. Gleichzeitig rücken Gesundheit sowie schulische bzw. leistungsbezogene Anforderungen stärker in den Vordergrund. Diese Verschiebung kann als Ausdruck gesellschaftlicher Unsicherheiten, wachsender Anforderungen und eines erhöhten Bedürfnisses nach Stabilität und Zukunftssicherung verstanden werden.
III. Jugendliche Werte im Wandel
(19. Shell Jugendstudie 2024)
Die 19. Shell Jugendstudie 2024 untersucht die Lebenswelt der 12- bis 25-Jährigen und erlaubt erstmals einen direkten Vergleich zu 2019.
Ausgewählte Lebensziele (wichtig / sehr wichtig):
| Lebensziel | 2019 | 2024 |
| Gute Freunde haben | 97 % | 96 % |
| Vertrauensvolle Partnerschaft | 90 % | 94 % |
| Gutes Familienleben | 90 % | 92 % |
| Gesund leben | 83 % | 85 % |
| Hoher Lebensstandard | 63 % | 82 % |
Analyse:
Soziale Kernwerte wie Freundschaft, Partnerschaft und Familie bleiben weiterhin an der Spitze der Werteskala. Sie bilden auch im Jugendalter den stabilen Bezugsrahmen für Orientierung und Zugehörigkeit.
Auffällig ist jedoch der starke Bedeutungszuwachs materieller Ziele, insbesondere des Wunsches nach einem hohen Lebensstandard. Diese Verschiebung lässt sich als Reaktion auf ökonomische Unsicherheiten, Zukunftsängste und eine zunehmend als fragil erlebte Lebensplanung verstehen. Materielle Sicherheit gewinnt damit eine neue Funktion: weniger als Ausdruck von Konsumorientierung, sondern vielmehr als Versuch, Stabilität und Kontrolle in einer als unsicher wahrgenommenen Welt zu erlangen.
IV. Digitalisierung: Stabilität der Werte, neue Spannungsfelder
Die Digitalisierung verändert zwar nicht die grundlegenden Werte von Kindern und Jugendlichen – wohl aber die Lebensrealität, in der diese Werte gelebt, erlebt und herausgefordert werden.
Darauf verweist auch die WHO-Studie zum Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter (HBSC-Studie). Im Jahr 2022 wurden fast 280.000 junge Menschen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren in 44 Ländern und Regionen Europas, Zentralasiens und Kanadas befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Nutzung digitaler Medien, das psychosoziale Wohlbefinden, die Selbstwahrnehmung und die Gesundheit eng miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig beeinflussen.
Aus dieser veränderten Lebensrealität ergeben sich neue Spannungsfelder, die den Alltag junger Menschen zunehmend prägen.
Zentrale Spannungsfelder
- Selbstbild & Leistungsdruck
Likes, Vergleich und permanente Sichtbarkeit wirken sich auf den Selbstwert, die Selbstwahrnehmung und die psychische Gesundheit. Anerkennung wird zunehmend nach außen verlagert und messbar gemacht.
- Nähe & Distanz
Digitale Vernetzung erleichtert Kontakt und Austausch, ersetzt jedoch nicht automatisch emotionale Verbundenheit. Beziehung bleibt erfahrungs- und resonanzabhängig – auch im digitalen Raum.
- Kompetenzfrage
Neben Geborgenheit und Schutz wird digitale Mündigkeit zu einer zentralen Ressource. Der reflektierte Umgang mit Medien, Informationen und Selbstdarstellung gewinnt an Bedeutung für Orientierung und innere Stabilität.
Schlussfolgerung
Emotionale Sicherheit bleibt grundlegend. Sie muss jedoch zunehmend durch Medienkompetenz, Reflexionsfähigkeit und schützende Beziehungsräume ergänzt werden, um jungen Menschen Halt und Orientierung in einer digital geprägten Welt zu ermöglichen.
V. Blick über Deutschland hinaus: DACH-Perspektive
Über Ländergrenzen hinweg bilden Familie, Freunde und Gesundheit das stabile Fundament kindlicher und jugendlicher Werteorientierung. Unterschiede zeigen sich weniger in den Grundwerten selbst als in den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen sie gelebt werden.
Fazit
Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren zeigt sich eine bemerkenswerte Konstanz zentraler Werte:
Beziehung schlägt Besitz. Nähe bleibt wichtiger als Status.
Gleichzeitig reagieren Kinder und Jugendliche sensibel auf gesellschaftliche Unsicherheiten. Der wachsende Stellenwert materieller Sicherheit ist weniger Ausdruck von Oberflächlichkeit als vielmehr der Versuch, Stabilität und Orientierung in einer komplexen und als fragil erlebten Welt zu finden.
Werte bleiben damit keine statischen Größen, sondern lebendige Bezugspunkte – verwurzelt in Beziehung und zugleich geprägt vom gesellschaftlichen Wandel.
VI. Summary
Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren zeigt sich eine bemerkenswerte Stabilität zentraler Werte. Beziehung, Nähe und Verlässlichkeit behalten ihre hohe Bedeutung und stehen weiterhin vor materiellen Aspekten wie Besitz oder Status.
Gleichzeitig reagieren Kinder und Jugendliche sensibel auf gesellschaftliche Unsicherheiten, ökonomische Veränderungen und wachsende Anforderungen. Der zunehmende Stellenwert materieller Sicherheit lässt sich vor diesem Hintergrund weniger als Ausdruck von Oberflächlichkeit verstehen, sondern vielmehr als Antwort auf eine als unsicher erlebte Lebenswelt und als Versuch, Zukunft planbar und verlässlich zu gestalten.
Werte erweisen sich damit weder als starr noch als beliebig. Sie bleiben lebendige Bezugspunkte, die in Beziehung verwurzelt sind und sich zugleich im Spannungsfeld gesellschaftlicher Veränderungen weiterentwickeln.
Quellen
AOK-Bundesverband. (2022). AOK-Familienstudie 2022 – Familie heute.
https://www.aok.de
GEOlino & UNICEF Deutschland. (2014). GEOlino-UNICEF-Kinderwertemonitor 2014.
https://www.unicef.de
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs). (o. J.). JIM-Studie (Jugend, Information, (Multi-)Media).
https://www.mpfs.de
Saferinternet.at. (2022–2024). Safer Internet Monitor / Jugend-Internet-Monitor.
https://www.saferinternet.at
Shell Deutschland Holding. (2024). 19. Shell Jugendstudie 2024: Jugend, Werte, Zukunft. Beltz Juventa. https://www.shell.de
UNICEF Österreich. (2021–2024). Berichte und Studien zur Lebenswelt, zu Werten und zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen.
World Health Organization & HBSC Network. (2022). Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) Study 2022. WHO Regional Office for Europe.
https://www.who.int/europe/initiatives/health-behaviour-in-school-aged-children-(hbsc)
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) & Pädagogische Hochschulen Schweiz. (2020–2023). Studien zu Mediennutzung, psychischer Gesundheit und Werteorientierung von Kindern und Jugendlichen.
https://www.zhaw.ch
ZHAW / JAMES-Studie. (2020, 2022). JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien: Erhebung Schweiz.
https://www.zhaw.ch/de/psychologie/forschung/james