Die Wurzeln unserer Werte

Wir betrachten Werte oft als einen moralischen Kompass, den wir uns im Laufe des Lebens mühsam erarbeiten. Ein Blick in die Psychodynamik unserer Entwicklung zeigt jedoch: Die tragendsten Werte werden nicht gelernt, sondern erfahren. Sie sind das emotionale Echo unserer frühesten Beziehungen.

Dieser Text richtet den Blick auf die Anfänge unserer Werte und auf die besondere Bedeutung von Liebe, Schutz und Sicherheit als grundlegende menschliche Werte. Schutz wirkt von außen, Sicherheit entsteht im Inneren – beide wachsen aus gelebter Beziehung und bilden, getragen von Liebe, das Fundament menschlicher Werte. Diese Werte sind keine abstrakten Ideale, sondern frühe Beziehungserfahrungen, die unser inneres Erleben und unser Handeln bis ins Erwachsenenalter prägen.

Wo unsere Werte ihren Anfang nehmen

Unser Leben beginnt nach der Befruchtung in einer Symbiose zwischen Mutter und Kind – einer körperlichen und emotionalen Verbundenheit. Aus dieser Einheit treten wir in die Welt. Mit der Geburt erlebt der Mensch erstmals eine grundlegende Trennung. In dieser neuen Welt ist das Kind vollständig auf Beziehung angewiesen. Die Beziehung zur Mutter – und in weiterer Folge zum Vater – ist in dieser frühen Phase von großer Nähe geprägt und wirkt nachhaltig auf die weitere Entwicklung.

Der Begriff der Prägung ist eng mit den Arbeiten des Verhaltensforschers und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz verbunden. Er beobachtete, dass frisch geschlüpfte Graugansküken jenem Wesen folgen, dessen Stimme sie zuerst wahrnehmen. Dieses Phänomen verdeutlicht die Bedeutung früher Beziehungserfahrungen. Menschliche Babys erleben die ersten Interaktionen mit der Außenwelt bereits im Mutterleib. Sie hören Stimmen und nehmen Stimmungen wahr. Sie sind Teil des körperlichen und emotionalen Systems der Mutter. Nach der Geburt ist das Kind alleine noch nicht lebensfähig. Es ist auf Erwachsene zum Überleben angewiesen. Der menschliche Schutz- und Fürsorgeinstinkt wird aktiviert. Beim eigenen Kind entsteht nahezu automatisch Elternliebe. So wird das eigene Kind als einzigartig, liebenswert und schutzbedürftig erlebt.

Vom Paar zur Familie – Prioritäten ordnen sich neu

Mit der Geburt eines Kindes wird das Leben in der Partnerschaft grundlegend neu ausgerichtet. Während zuvor vor allem die Bedürfnisse und Interessen der beiden Partner im Mittelpunkt standen, treten diese nun ganz natürlich in den Hintergrund. Neben höchster Freude und liebevoller Verbundenheit entstehen allerdings auch neue, bisher unbekannte Anforderungen, die zu persönlicher Überforderung führen können. Was Eltern neu verbindet, ist eine gemeinsame Aufgabe, ein neuer Lebenssinn, der über die eigene Person hinausgeht. Darin liegt eine besondere Chance, in diesem neuen Lebensabschnitt zu wachsen – persönlich und als Paar. Aus Partnerschaft wird Elternschaft.

Ein weitverbreiteter Irrtum ist jedoch die Annahme, dass unsichere oder instabile Paarbeziehungen durch ein gemeinsames Kind „gerettet“ werden könnten. Gerade die Übergangsphase zur Elternschaft verlangt viel Energie und Aufmerksamkeit. In dieser Zeit treten Unterschiede, Spannungen und ungelöste Themen in Paar-Beziehungen oft noch deutlicher zutage als zuvor. In der neuen Lebenssituation rücken die Werte Liebe, Schutz und Sicherheit neu in den Vordergrund. Sie sind in uns bereits vorhanden und ordnen sich nun neu.

Nach der Geburt unseres ersten Kindes stehe ich als begeisterter Skifahrer vor einem besonders einladenden Tiefschneehang. Es hat gerade geschneit. Blauer Himmel, Sonnenschein, noch keine einzige Spur im Gelände weit und breit. Normalerweise würde ich voller Genuss in dieses Erlebnis eintauchen. Doch dieses Mal meldet sich ein neues Gefühl: Gefahr. Eine innere Alarmglocke läutet. Was ist, wenn eine Lawine abgeht und ich nicht mehr am Leben wäre? Was wäre dann mit meiner Familie? Wie würde mein Kind ohne mich aufwachsen? Welche finanziellen Folgen hätte das?
In diesem Moment wird mir meine Verantwortung für den Schutz unseres Kindes bewusst. Ich drehe um und fahre auf der präparierten Piste weiter.

Aus der Meta-Ebene betrachtet: Eine neue Werte-Priorisierung führt zu neuem Verhalten.

Bindung als Basis für Entwicklung

Durch das gemeinsame Zusammenleben entsteht über die Zeit Bindung – zwischen Kind, Eltern und weiteren Bezugspersonen.

Der britische Psychiater John Bowlby, Begründer der Bindungstheorie, zeigte gemeinsam mit der Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, dass sich unterschiedliche Bindungsformen entwickeln können: sicher, vermeidend, ambivalent und desorganisiert. Sichere Bindung entsteht durch feinfühlige und verlässliche Fürsorge. Das Kind erlebt seine Bezugsperson dabei als sichere Basis, von der aus es die Welt erkunden kann, und als sicheren Hafen, zu dem es bei Stress oder Angst zurückkehren darf. Diese frühen Beziehungserfahrungen formen das „innere Arbeitsmodell“ des Kindes. Auf dieser Grundlage entwickeln sich zentrale innere Haltungen und frühe Beziehungserwartungen wie Liebe, Vertrauen und Geborgenheit – aus denen sich in weiterer Folge auch Selbstwert entwickelt.

Wichtig: Bindung prägt, aber sie legt nicht fest. Neue, tragende Beziehungen können innere Sicherheit auch im Erwachsenenalter stärken und verändern.

Entwicklung und Reifung – ein Leben lang

Was geschieht, wenn wir als Kinder nicht von Anfang an verlässliche und förderliche Lebensbedingungen erfahren? Fehlen Sicherheit, Schutz oder emotionales Verständnis, entstehen daraus besondere persönliche Herausforderungen. Diese können einerseits Unsicherheit hervorrufen, andererseits aber auch einen starken inneren Antrieb, diese Unsicherheit zu überwinden. Durch Bewusstwerdung und Reflexion können diese Lebensthemen nutzbar gemacht werden. Oft entwickeln Menschen daraus besondere Fähigkeiten und Stärken.

Als ich 15 Jahre alt war, habe ich meinen Vater durch einen plötzlichen Tod verloren. Er war 59 Jahre alt. Schutz und Sicherheit waren plötzlich nicht mehr in der Form vorhanden wie bisher. Wir als Familie waren sehr gefordert und sind gleichzeitig, jeder auf seine Weise, gewachsen. Notgedrungen. Einerseits habe ich einen meiner beiden Elternteile und nächste Bezugsperson verloren, andererseits wurde ich dadurch gefordert selbstständig zu sein. Daraus entwickelte sich – nicht freiwillig, sondern aus der Lebenssituation heraus – eine Kompetenz zur Selbstständigkeit. Dieser Wert der Selbstständigkeit hat mich seitdem mein ganzes Leben begleitet – familiär und auch beruflich. Rückblickend hat er wohl die Basis dafür gelegt, als selbstständiger Unternehmer beruflich tätig zu sein.

In dieser Situation wurde mir außerdem die Wichtigkeit von Familie, Freundschaft und Mitgefühl sehr bewusst. Ich weiß noch heute genau, wer damals für mich da war – und wer nicht. Besonders hilfreich war es, wenn mich jemand ansprach, mir zuhörte und mir vielleicht sogar Unterstützung anbot, ohne die eigene Deutungen in den Vordergrund zu stellen. Und wenn jemand das Leid und die Stille mitaushielt, ohne alles sofort erklären oder lösen zu wollen.

„In Extremsituationen werden Werte unmissverständlich sichtbar“, erkannte der US-amerikanische Psychoanalytiker und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts – geprägt durch seine Erfahrungen während seiner KZ-Aufenthalte.

Rückblickend ist es schön zu sehen, welche Werte mir in dieser Zeit klar wurden und wie sie mein weiteres Leben beeinflusst haben. So wurde es mir wichtig, bewusster auf meine Gesundheit zu achten – mit einem nach außen nie ausgesprochenem Ziel: älter zu werden als mein Vater. Dies ist mir mittlerweile gelungen. Ein noch größeres Ziel war es, so gesund zu bleiben, dass ich als Vater noch lebe, wenn unser jüngstes Kind älter als 15 Jahre alt ist. Dass auch dies Wirklichkeit geworden ist, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Freude.

Der Tod meines Vaters war wie ein Stachel im Fleisch, um Antwort auf eine der existenziellsten Fragen zu finden:  Gibt es ein Leben nach dem Tod? Schritt für Schritt näherte ich mich diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven. Das dauerte Jahre. Viele Jahre. Und jeder einzelne Schritt war sinnvoll. Wie bei einem Puzzle fügte sich allmählich alles zusammen. Es ist eine große Gnade für mich, dass mir mittlerweile ein spiritueller Zugang geschenkt wurde, der für mich stimmt und der mir bestimmt ist.

Somit wurde die Ausrichtung auf wesentliche Werte und Lebensziele in einer Situation vorgenommen, die ich damals vor allem als Verlust erlebt habe. Erst später – durch Reflexion, Coaching und Psychotherapie – entstand daraus Schritt für Schritt mehr Klarheit und eine innere Ressource. So können Krisen auch hilfreich sein. Sie können dabei helfen, Werte zu erkennen, die im Leben wirklich Priorität haben.

Impulse für die Praxis 

Schutz, Sicherheit und Liebe zählen zu den grundlegenden Werten unseres Lebens. Sie können Halt geben, Orientierung schaffen und Verantwortungsbewusstsein stärken. Gleichzeitig können sie – wenn sie überbetont oder vermieden werden – Entscheidungen unmerklich einschränken. 

Falls Sie Lust haben, zu diesem Thema über Ihr eigenes Leben zu reflektieren, finden Sie nachfolgend einige Impulse.

Wie erkenne ich, unterbewusste unausgeglichene Gefühle oder Muster? 

Beobachten Sie, in welchen Situationen Sie überreagieren bzw. wo Sie möglicherweise auch zu wenig emotionale Resonanz zeigen. Hier zeigen sich Ihre Entwicklungspotenziale. Durch Bewusstwerdung, Reflexion und tragfähige Beziehungen können frühe Defiziterfahrungen transformiert werden. Was zunächst als Mangel erlebt wird, kann sich als Kompetenz erweisen. Wir erkennen, wie auch die Entwicklungspsychologie bestätigt, dass Entwicklung, Reifung und Veränderung ein Leben lang möglich sind.

Schutz, Sicherheit und Liebe im Alltag leben

Welche Bedeutung haben die Werte Schutz, Sicherheit und Liebe in meinem Leben?

Wie wirken sich diese Werte auf meine Entscheidungen und mein Verhalten in meinem persönlichen und beruflichen Leben aus?

Welchen kleinen nächsten Schritt möchte ich in meinem Verhalten morgen anders machen? Was möchte ich beibehalten?

Link – Erkenntnisse zur Bindungsforschung

Nachfolgend finden Sie einen Link zu einer Kurzzusammenfassung der Erkenntnisse von John Bowlby aus seiner langjährigen Bindungsforschung. In diesem 8-minütigen Video zeigt er Forschungsergebnisse und spannende Experimente zu den verschiedenen Bindungsmustern zwischen Eltern und Kindern und deren Auswirkungen im Leben. Auch heute immer noch aktuell.